Entstehung der Zementindustrie in Paderborn

Die Entwicklung der Paderborner Zementindustrie begann Anfang des 20. Jahrhunderts mit der industriellen Nutzung der südlich der Stadt gelegenen Kalksteinvorkommen. Nach der Gründung des Zementwerks Ilse entstand dort ein neuer Industriezweig, der Paderborn zusätzliche Arbeitsplätze und wirtschaftliche Entwicklungsmöglichkeiten bot. Gleichzeitig führte die Errichtung eines Militärflugplatzes in Mönkeloh zu einer Konkurrenz um dieselben Flächen, die die Geschichte der Zementindustrie über Jahrzehnte prägen sollte.

In den 1920er-Jahren wurde die westdeutsche Zementindustrie von starken Wettbewerbsschwankungen und Überkapazitäten geprägt. Zur Stabilisierung von Produktion und Preisen schlossen sich viele Hersteller in Syndikaten zusammen. Diese Kartelle regelten Absatzmengen und Preise, standen jedoch immer wieder unter Druck durch unabhängige Außenseiterwerke, die mit niedrigeren Preisen um Marktanteile konkurrierten.

Gründung der Paderborner Portland-Zementwerke

Vor diesem Hintergrund gründeten der Essener Kaufmann Franz Grolla und der Immobilienunternehmer Fritz Berchem 1926 die Paderborner Kalkwerke GmbH, aus der wenig später die Paderborner Portland-Zementwerke hervorgingen. Mit Unterstützung der Stadt Paderborn entstand südlich der Stadt ein modernes Zementwerk mit eigenem Steinbruch und Bahnanschluss. Bereits 1927 nahm die Produktion ihren Betrieb auf. Dank hochwertiger Rohstoffe etablierte sich der Zement schnell am Markt und wurde für zahlreiche Infrastrukturprojekte eingesetzt. 

Der wirtschaftliche Erfolg führte rasch zu Erweiterungen. Gleichzeitig geriet das Werk jedoch in Konflikt mit dem Westdeutschen Zementverband, der sowohl Neugründungen als auch unabhängige Hersteller bekämpfte. In jahrelangen Auseinandersetzungen versuchten Verband und Stadt, Einfluss auf die Zukunft des Außenseiterwerks zu nehmen. Trotz erheblicher finanzieller Belastungen verteidigten Berchem und Grolla zunächst die Unabhängigkeit ihres Unternehmens.

Wirtschaftskrise, Verbandsdruck und Eigentümerwechsel

Die Weltwirtschaftskrise ab 1929 traf das junge Werk besonders hart. Sinkende Bauaktivitäten und der drastische Rückgang der Zementnachfrage führten zu wiederholten Produktionseinschränkungen und zeitweisen Stilllegungen. Unter dem Druck der wirtschaftlichen Entwicklung und der Auseinandersetzungen mit dem Zementverband verlor das Werk schrittweise seine Unabhängigkeit. Anfang der 1930er-Jahre erwarb der Verband die Mehrheit der Gesellschaftsanteile.
Mitte der 1930er-Jahre führte die expansive Bau- und Aufrüstungspolitik des nationalsozialistischen Staates zu einer steigenden Nachfrage nach Zement. Davon profitierte auch das Werk Atlas, das wieder größere Mengen produzieren konnte. 1935 übernahm die Anneliese Portland-Cement- und Wasserkalkwerke AG das Werk Atlas vollständig und integrierte es in ihre Unternehmensgruppe.

Krieg, Stilllegung und Wiederaufbau

Mit der zunehmenden militärischen Nutzung des benachbarten Flugplatzes geriet das Werk erneut unter Druck. Die Staub- und Rauchentwicklung wurde als Beeinträchtigung des Flugbetriebs angesehen. 1940 wurde die Produktion stillgelegt. Das Werk blieb während des Zweiten Weltkriegs weitgehend außer Betrieb und erlitt durch Luftangriffe erhebliche Schäden.

Nach Kriegsende begann unter schwierigen Bedingungen der Wiederaufbau. Material- und Brennstoffmangel, Transportprobleme und die zerstörte Infrastruktur erschwerten die Wiederaufnahme der Produktion. Dennoch konnte das Werk bereits 1947 wieder anlaufen. In den Jahren des Wirtschaftswunders profitierte Atlas vom starken Bedarf an Wohnungsbau und Infrastrukturmaßnahmen. Die Anlagen wurden modernisiert, die Produktionskapazitäten erweitert und die Entstaubung deutlich verbessert.

Zementkriege und technischer Fortschritt

In den 1960er Jahren investierte die Anneliese AG umfangreich in die Modernisierung des Werks. Neue Silos, Mahlanlagen und schließlich ein moderner Drehofen mit Wärmetauschertechnik steigerten die Leistungsfähigkeit erheblich. Gleichzeitig geriet die westfälische Zementindustrie durch Überkapazitäten und den Wegfall kartellähnlicher Strukturen unter Druck. Dies führte zwischen 1967 und 1970 zum ersten westfälischen Zementkrieg mit ruinösem Preiswettbewerb.

Nach einer kurzen Erholungsphase löste die Ölpreiskrise Mitte der 1970er-Jahre einen zweiten Preiskrieg aus. Das Werk reagierte mit Rationalisierungsmaßnahmen, dem Ausbau der Verladekapazitäten und dem verstärkten Einsatz alternativer Brennstoffe. Gleichzeitig gelang es, den langfristigen Rohstoffabbau durch Vereinbarungen mit der Stadt Paderborn zu sichern.

Vom Anneliese-Werk zu Heidelberg Materials

1988 übernahm die Anneliese AG das benachbarte Zementwerk Ilse und entschied nach einer umfassenden Prüfung, den Standort Atlas als zukünftiges Hauptwerk in Paderborn weiterzuführen. In den folgenden Jahren wurde das Werk konsequent modernisiert. Eine neue Zementmahlanlage, zusätzliche Silokapazitäten sowie der Einsatz alternativer Brennstoffe stärkten die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts.

Im Jahr 2003 übernahm HeidelbergCement die Mehrheit an der Anneliese AG. Zwei Jahre später wurde die Gesellschaft vollständig in den Heidelberger Konzern integriert. Das Werk Paderborn blieb ein wichtiger Produktionsstandort und entwickelte sich zu einem Zentrum für Innovationen im Bereich CO₂-reduzierter Zemente. Mit Ternocem® und weiteren neuartigen Klinkerprodukten entstand hier in den letzten Jahren ein bedeutendes Entwicklungsfeld für klimafreundlichere Baustoffe.

Trotz erfolgreicher technischer Weiterentwicklungen, hoher Flexibilität und einer langen Tradition führten die veränderten Marktbedingungen und die anhaltend schwache Baukonjunktur schließlich zur Entscheidung, das Werk zum 31. Dezember 2026 zu schließen. Damit endet die hundertjährige Geschichte des Zementwerks Atlas in Paderborn, das sich über Generationen hinweg immer wieder neu erfunden und seinen Platz in der deutschen Zementindustrie behauptet hat.
 

Der Heidelberger Portländer. Beiträge zur Unternehmensgeschichte und Unternehmenskultur, Heft 17

Die Geschichte des Zementwerks Atlas in Paderborn

Vom Einzelkämpfer zum Werk eines internationalen Konzerns 

[hrsg. von: Heidelberg Materials AG]
Dr. Eszter Harsányi 

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Titelfoto: Das Werk Atlas um 1955